Struktur vor Optik: Überschriften mit System

Die Regel kennt jede Redaktion – eine H1, danach H2, keine Ebene überspringen. Trotzdem ist die Struktur einer der häufigsten Befunde im BITV-Check. Der Grund liegt oft nicht in der Redaktion, sondern im Backend.

Links die richtigen Überschriften mit Häkchen, rechts die falschen Überschriften mit rotem X.

Warum die Gliederung über Zugänglichkeit entscheidet

In der täglichen Nutzung

Wer einen Screenreader verwendet, muss eine Seite nicht linear von oben nach unten lesen. Stattdessen kann per Tastenkürzel von Überschrift zu Überschrift gesprungen oder eine Liste aller Überschriften aufgerufen werden – vergleichbar mit dem Überfliegen einer Seite mit den Augen. Im WebAIM Screen Reader User Survey geben seit Jahren rund 70 Prozent der Befragten an, dass Überschriften ihnen beim Zurechtfinden auf einer Seite helfen. Kein anderes Strukturelement erreicht diesen Wert.

Fehlen die Überschriften oder springen die Ebenen durcheinander, fällt dieser Navigationsweg weg. Die Seite ist dann technisch vorhanden, aber praktisch schwer benutzbar.

In Gesetz und Prüfung

Die Anforderung ist dabei nicht optional. Die BITV 2.0 verweist auf die EN 301 549 und damit auf die WCAG. Drei Kriterien sind einschlägig:

  • 1.3.1 Info und Beziehungen (Level A):
    Struktur muss technisch auslesbar sein – eine nur optisch hervorgehobene Zeile erfüllt das nicht. BITV 2.0
  • 2.4.6 Überschriften und Beschriftungen (Level AA):
    Überschriften müssen den Inhalt tatsächlich beschreiben. BITV 2.0
  • 2.4.10 Abschnittsüberschriften (Level AAA):
    Inhalte werden durch Überschriften gegliedert. Von der BITV 2.0 nicht gefordert, aber gute Praxis.

Mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) betrifft dieser Anspruch längst nicht mehr nur öffentliche Stellen. Auch Suchmaschinen werten dieselbe Gliederung aus, um Thema und Aufbau einer Seite zu verstehen. Das gilt inzwischen ebenso für KI-Dienste: Sprachmodelle und Antwortmaschinen zerlegen Seiten in Abschnitte, bevor sie daraus zitieren. Eine saubere Hierarchie entscheidet mit darüber, ob dabei der passende Abschnitt gefunden wird oder ein zusammenhangloser Textausschnitt.

Barrierefreiheit, Auffindbarkeit und maschinelle Verwertbarkeit greifen hier auf dieselbe Auszeichnung zu. Wer sie einmal sauber anlegt, bedient alle drei – Barrierefreiheit ist an dieser Stelle kein Sonderweg, sondern schlicht Qualität.

Sechs Fehler, die uns im BITV-Check immer wieder begegnen

In der Prüfpraxis wiederholen sich die Muster. Die meisten Fehler entstehen nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus dem Versuch, ein gestalterisches Problem über die Struktur zu lösen:

Mehrere H1 pro Seite

Das Hero-Element gibt bereits eine H1 aus, im Text folgt eine zweite. Die Seite hat damit zwei Hauptthemen – und keines davon ist eindeutig. Die zweite gehört auf H2, auch wenn sie optisch gleichwertig wirken soll.

Übersprungene Ebenen

Auf H2 folgt direkt H4, weil diese Variante optisch besser passte. Für Screenreader entsteht dadurch eine Lücke in der Gliederung. Richtig ist H3 – die Darstellung lässt sich getrennt davon anpassen.

Auswahl nach Schriftgröße

Die Ebene wird zum Designwerkzeug: Gewählt wird, was am besten aussieht. Die Struktur bildet danach nicht mehr den Inhalt ab, sondern das Layout. Die Ebene ergibt sich aus dem Inhalt, die Größe aus dem Design – zwei Entscheidungen, zwei Wege.

Fett statt Überschrift

Beginnt ein neuer Abschnitt, gehört eine Überschrift hin – fett formatierter Text sieht zwar so aus, taucht aber in keiner Überschriftenliste auf. Für Hervorhebungen innerhalb eines Abschnitts ist Fettung dagegen genau richtig.

Nichtssagende oder identische Texte

 “Abschnitt 1”,  “Mehr” oder fünfmal  “Leistungen”: Wer die Überschriftenliste aufruft, erfährt daraus nichts. Ein paar Wörter mehr genügen meist schon:  “Anfahrt und Parkmöglichkeiten” statt  “Weitere Infos”.

Überschriften ohne Inhalt

Claims, Zitate oder Kachel-Titel werden ausgezeichnet, obwohl kein Abschnitt folgt. Die Gliederung füllt sich mit Einträgen, die nirgendwohin führen. Solche Elemente brauchen keine Überschriftenebene – ein hervorgehobener Absatz reicht.

Fünf Entscheidungen, die in TYPO3 den Unterschied machen

Genau hier liegt der wirksamste Hebel. Wenn das Redaktionssystem für gestalterische Wünsche einen eigenen Weg anbietet, muss niemand mehr die Semantik dafür verbiegen. Barrierefreie Überschriftenstrukturen entstehen im redaktionellen Alltag – das System sollte die richtige Entscheidung leicht machen und die falsche schwer.

Den Großteil unserer Projekte setzen wir mit TYPO3 um. Fünf Stellschrauben haben sich dabei als besonders wirksam erwiesen – jede davon nimmt eine typische Fehlerquelle aus dem Redaktionsalltag. Sie sind unser Zielbild für neue Integrationen und eignen sich zugleich als Prüfraster für ein bestehendes System: Was davon lässt sich für Ihre Website bejahen?

Seitengerüst mit einem einzigen hervorgehobenen Block ganz oben, darunter graue Textzeilen. Beschriftung: Genau eine H1 – woher die Hauptüberschrift kommt. Schaltflächen: Hero, Textelement, genau einmal.

1. Eine eindeutige H1-Quelle

Die H1 sollte auf jeder Seite aus einer einzigen, verabredeten Quelle kommen: entweder aus dem Hero-Element oder bewusst über ein Textelement. Vorsicht: Wo mehrere Wege offenstehen, entsteht die zweite H1 früher oder später aus Versehen.

Dropdown-Menü: H2 ausgewählt. Titel: Voreinstellung H2. Text: Wer nichts ändert, macht nichts falsch.

2. Voreinstellung auf H2

Der Standardwert des Feldes "Überschriftentyp" sollte auf H2 stehen – dann ist die richtige Wahl im Normalfall bereits getroffen. Wer nichts ändert, macht nichts falsch. Das klingt nebensächlich, ist aber der Punkt mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Wirkung: eine Einstellung, die bei jedem Inhaltselement mitläuft.

Zwei Bereiche: Darstellung mit Optik und Ebene mit Semantik. Sie zeigen, dass Aussehen und Bedeutung voneinander getrennt sind.

3. Optik und Semantik in zwei Feldern

Für abweichende Darstellungen braucht es ein eigenes Feld. Eine korrekt als H3 ausgezeichnete Überschrift kann damit im Einzelfall größer wirken, ohne dass die Ebene angefasst wird. Die Grenze liegt dort, wo die sichtbare Rangfolge der inhaltlichen widerspricht. Der häufigste Anlass für falsche Auszeichnungen entfällt damit – aus unserer Sicht die wirksamste der fünf Stellschrauben.

Dropdown: Layout 1 durchgestrichen, in H1 – Seitentitel geändert und abgehakt. Darunter eindeutige Feldnamen und Schaltflächen: Layout 1, H1, umbenennen.

4. Felder, die verständlich heißen

Ein Feld, das "Layout" heißt, aber die Überschriftenebene bestimmt, legt eine Gestaltungsentscheidung nahe. Wir benennen die Felder deshalb so, dass Beschriftung und Wirkung zusammenpassen: Wer H1 auswählen will, sollte auch H1 lesen. Diese Benennung klären wir zu Projektbeginn, nicht erst bei der Schulung.

Editor, bei dem nur H2 und H3 aktiv sind. Text: Reduzierter Editor. Nur relevante Ebenen sichtbar.

5. Ein reduzierter Rich-Text-Editor

Im Rich-Text-Editor sollten nur die Ebenen zur Verfügung stehen, die dort inhaltlich sinnvoll sind. Die Hauptüberschrift eines Inhaltselements kommt aus dem Überschriftenfeld – im Fließtext darunter folgen nur noch untergeordnete Ebenen. Was nicht auswählbar ist, kann auch nicht falsch gesetzt werden.

Vom Prüfraster zur Praxis

Wo eine dieser fünf Stellschrauben fehlt, entstehen die Fehler von morgen. Nachrüsten lässt sich jede – am günstigsten allerdings beim nächsten Relaunch. Was dabei zu beachten ist, worauf es im redaktionellen Alltag ankommt und wie die Grundlagen genau lauten, steht in den folgenden Abschnitten.

So wirksam die technische Grundlage ist – sie nimmt die inhaltliche Entscheidung niemandem ab. Welche Ebene richtig ist, ergibt sich aus dem Text, und das fällt bei jedem Inhaltselement neu an. Dasselbe gilt für Prüfwerkzeuge: HeadingsMap und die Struktur-Ansichten gängiger Accessibility-Tools finden zuverlässig übersprungene Ebenen und doppelte H1. Ob eine Überschrift den folgenden Abschnitt tatsächlich beschreibt, kann kein Tool beurteilen. Genau das prüft aber 2.4.6.

Deshalb gehört zu einem barrierefreien Projekt aus unserer Sicht auch eine kurze Anleitung für Redakteurinnen und Redakteure: knapp, bebildert und an der konkreten Backend-Oberfläche orientiert, mit der täglich gearbeitet wird. Eine allgemeine Einführung in die WCAG hilft im Alltag wenig – eine Seite, die das eigene Backend zeigt, dagegen sehr.

Gute Integration nimmt der Redaktion die falschen Optionen ab. Die richtige Entscheidung trifft sie weiterhin selbst – dafür braucht sie eine Anleitung, die zu ihrem Backend passt. 

Die Regeln in Kurzform

Pro Seite gibt es genau eine H1, sie benennt das Hauptthema; alle weiteren Überschriften beginnen bei H2. Dabei wird keine Ebene übersprungen – auf H2 folgt H3, nicht H4. Gewählt wird nach Bedeutung, nicht nach Größe. Formuliert wird aussagekräftig: “Anfahrt und Parkmöglichkeiten” statt “Weitere Infos”. Und Fettdruck ist kein Ersatz für eine Überschrift.

Mehr ist es nicht. Der Aufwand liegt nicht in der Regel, sondern in der Konsequenz.

Checkliste vor der Veröffentlichung

  • Gibt es auf der Seite genau eine H1?
  • Beginnen alle weiteren Überschriften bei H2?
  • Ist die Reihenfolge logisch – ohne übersprungene Ebene?
  • Beschreiben die Überschriften den folgenden Inhalt?
  • Gibt es keine identischen Überschriftentexte?
  • Wurde keine Überschrift durch fetten Text “nachgebaut”?

Für einen schnellen Test genügt schon weniger: Lesen Sie nur die Überschriften der Seite von oben nach unten. Ergibt sich daraus ein sinnvolles Inhaltsverzeichnis, stimmt die Struktur.

1. Kurz aufgefrischt: Was H1 bis H6 technisch bedeuten

Überschriften sind auch ein Gestaltungsmittel – vor allem aber das Inhaltsverzeichnis einer Seite. Beides gehört zusammen, nur nicht in beliebiger Reihenfolge: Welche Ebene eine Überschrift hat, ergibt sich aus dem Inhalt. Wie diese Ebene aussieht, ist im Design bereits festgelegt.

Eine als H2 ausgezeichnete Zeile sagt dem Browser, dem Screenreader und der Suchmaschine, dass hier ein Abschnitt einer bestimmten Ebene beginnt. Genau das meint “semantisch” – die Bedeutung steckt in der Auszeichnung, nicht im Aussehen.

Die Ebenen bauen aufeinander auf, wie die Gliederung eines Buches:

  • H1 – das Hauptthema der Seite, genau einmal
  • H2 – die großen Abschnitte
  • H3 – Unterabschnitte innerhalb eines H2
  • H4 und H5 – nur bei tatsächlich tiefer Inhaltsstruktur

Ein Beispiel: H1 Leistungen · H2 Planung · H3 Entwurf · H3 Genehmigung · H2 Bauleitung
Mehr als drei Ebenen braucht es in der Praxis selten. Und wirkt eine Überschrift im Layout “zu groß”, ist das eine Designfrage – keine Strukturfrage.

2. Welche Ebene wann richtig ist

In der Praxis braucht eine Seite selten mehr als drei Ebenen. H4 und H5 sind nur bei tatsächlich tiefer Inhaltsstruktur sinnvoll – etwa in umfangreichen Fachtexten oder Dokumentationen. Wer regelmäßig auf H5 kommt, sollte prüfen, ob der Inhalt nicht besser auf mehrere Seiten gehört.

Bei der H1 ist die Lage eindeutig: eine pro Seite. Sie benennt das Hauptthema, und mehrere Hauptthemen kann eine Seite nicht haben. In der Praxis entsteht die zweite meist unbeabsichtigt – etwa wenn ein Element im Seitenkopf bereits eine ausgibt und im Text eine weitere gesetzt wird.

Eine übersprungene Ebene wiederum verstößt nicht zwingend gegen 1.3.1, solange die Beziehungen technisch auslesbar bleiben. In der Prüfpraxis wird sie trotzdem als Mangel gewertet, weil sie die Orientierung erschwert. Der Aufwand, sie zu vermeiden, ist minimal – die Diskussion darüber kostet mehr.

3. Sonderfälle und Prüfung

Auch Überschriften außerhalb des Fließtextes erscheinen in der Überschriftenliste des Screenreaders – in Teaserkacheln, in Footer-Spalten oder in einem Megamenü. Teaserkacheln sind der häufigste Fall: Gibt jede Kachel eine H2 aus, konkurriert sie mit den inhaltlichen Abschnitten. Meist ist H3 die passende Ebene – oder gar keine Überschrift, sondern ein verlinkter Text.

Ob das eigene Backend zum Problem beiträgt, zeigt ein einfaches Indiz: Wenn die Redaktion eine H3 auf H2 stellt, weil die Überschrift größer werden soll, gibt es keinen anderen Weg zur gewünschten Darstellung. Dann fehlt ein zweites Feld, über das sich die Größe unabhängig von der Ebene wählen lässt – siehe Stellschraube 3 weiter oben.

Für die Kontrolle genügen Browser-Erweiterungen wie HeadingsMap oder die Struktur-Ansichten gängiger Accessibility-Tools. Sie zeigen die Gliederung einer Seite auf einen Blick.

Fazit: Struktur ist Verantwortung

Semantische Überschriften kosten keine zusätzliche Entwicklungszeit und keine Designkompromisse. Sie erfordern nur eine bewusste Entscheidung für die inhaltlich richtige Ebene – bei jedem Inhaltselement aufs Neue. Genau deshalb ist die Überschriftenstruktur einer der zuverlässigsten Indikatoren dafür, wie ernst es eine Organisation mit digitaler Barrierefreiheit meint. Und zugleich einer dafür, wie gut sie dabei begleitet wurde.

Sie ist damit zu wichtig, um sie allein der Sorgfalt zu überlassen. Wo das Redaktionssystem die richtige Entscheidung leicht macht, entsteht sie von selbst.

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