Mann, Frau und alles dazwischen – Geschlechtsidentität im Webdesign

Mann, Frau und alles dazwischen – Geschlechtsidentität im Webdesign

Ein Beitrag zum dritten Geschlecht im Geburtenregister; zu Rothaarigen, die blond oder brünett sein müssten und zur User Experience* von allen die nicht (nur) Mann oder Frau sind.


Kurze Definition vorweg: Was ist User Experience?

Der Begriff „User Experience“ (UX) beschreibt das Gesamterlebnis eines Produktes. Also das, was man vor, während und nach der Nutzung des Produktes fühlt und denkt. Die User Experience wird demnach durch die Wahrnehmung, Ästhetik und vor allem die hervorgerufenen Emotionen bestimmt.


Hintergrund – „Das dritte Geschlecht“ im Geburtenregister

Die medizinisch anerkannte „Diagnose“ Intersexualität, stellt für das deutsche Geburtenregister ein Problem dar. Hier wird, neben Angaben wie dem Namen, auch das Geschlecht eines Menschen erfasst, bisher gibt es hierfür nur die beiden traditionellen Geschlechter männlich und weiblich als Optionen.

Ein Mensch ist dann intersexuell, wenn das Geschlecht aufgrund von biologischen/genetischen Anomalien nicht eindeutig identifiziert werden kann.

Seit 2013 kann bei einer vorliegenden Intersexualität der Geburtenregistereintrag zum Geschlecht freigelassen werden. Hierbei handelt es sich allerdings weder formal noch emotional um eine ausreichende Lösung. Auf bürokratischer Ebene ist dieser Eintrag für viele Dokumente notwendig und führt so zu einer wesentlichen Benachteiligung der Intersexuellen (ohne eingetragenes Geschlecht, kann zum Beispiel keine Ehe geschlossen werden). Mehr dazu siehe weiterführende Links am Ende dieses Beitrags.

2017 wurde daher vom Bundesverfassungsgericht eine Änderung des Personenstandsrechts beschlossen. Bis Ende 2018 muss eine „positive“ Eintragsmöglichkeit für „das dritte Geschlecht“ geschaffen werden, die dann von Gerichten und Verwaltungsbehörden anzuwenden ist. Folglich hat dieser Beschluss nicht nur Einfluss auf die „Auswahlmöglichkeiten“ im Geburtenregister, sondern wird zu Änderungen in diversen Dokumenten, Formularen und somit auch im allgemeinen Sprachgebrauch führen.

Webdesign und Personenstandsrecht

In Zahlen – Wie viele Menschen profitieren von diesem Beschluss?

Wie viele Menschen intersexuell geboren werden, kann bis heute nur geschätzt werden. Dies liegt zum Teil daran, dass keine dokumentierten Zahlen vorliegen, einige Ausprägungen der Intersexualität nicht direkt bei der Geburt erkannt werden und Babys zum Teil noch heute geschlechtsangleichend operiert werden. Daher berufen sich Quellen unter Einbeziehung unterschiedlicher Ausprägungen der Intersexualität, auf verschiedene Zahlen. Eine Schätzung, die aus dem medizinischen Fachlexikon Pschyrembel abgeleitet wird, besagt, dass es ca. 80.000 bis 160.000 intersexuelle Menschen in Deutschland gibt. Von diesen fühlen sich ca. 100.000 weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig (LSVD, Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e.V.).

Eine greifbarere Relation liefert der Vergleich, dass es in etwa so wahrscheinlich ist rothaarig geboren zu werden, wie zu den geschätzten 1,7 % Intersexuellen der Weltbevölkerung zu gehören (UN free & equal).

Geschlechtsidentität im Webdesign – Wie steht es um die User Experience?

Es gibt etliche Situationen off- oder online, in denen die Geschlechtszugehörigkeit (ob sinnvoll oder nicht) angegeben werden muss. Nehmen wir zum Beispiel Bestellformulare von Online Shops. Mit einer binären Abfrage nach Anrede (Herr/ Frau) oder Geschlecht (männlich/ weiblich) sind sie ungenügend für jeden, der sich keinem der traditionellen Geschlechter zugehörig fühlt – und dies bezieht sich nicht nur auf Intersexuelle.

Genauso wie es Intersexuelle gibt, die sich einem der beiden traditionellen Geschlechter zugehörig fühlen, gibt es umgekehrt Menschen, die biologisch einem der zwei Geschlechter zugeordnet werden, sich aber nicht damit identifizieren können.

Stellen Sie sich also einmal vor…

Sie wollen an einem Kunstevent teilnehmen. Als Teilnahmebedingung müssen Sie sich vor dem Event registrieren und ein entsprechendes Formular mit Fragen zu Ihrer Person ausfüllen. Anhand dieser Angaben sollen alle Teilnehmenden, in zwei optisch möglichst gleiche Gruppen eingeteilt werden. Ein wesentliches Pflichtfeld fragt daher nach der „Haarfarbe“ und gibt die zwei Optionen „blond“ und „brünett“ vor. – Sie sind rothaarig.

Es steht außer Frage, dass es dem Thema nicht gerecht wird, etwas leicht Veränderliches wie die Haarfarbe mit der Geschlechtsidentität eines Menschen zu vergleichen. Allerdings lässt es einen ahnen, wie es sein muss, mehrmals täglich mit „Ich passe nicht ins Schema“ Momenten konfrontiert zu sein.

Betrachtet man also diese „Stolpersteine“, denen alle „nicht (nur) Mann oder Frau Menschen“ begegnen und die Tatsache, dass die User Experience heutzutage ein wesentliches Qualitätsmerkmal von Produkten darstellt, wird es umso wichtiger, das Thema Geschlechtsidentität zu berücksichtigen.

Im Webdesign sind es Punkte wie die Kontaktaufnahme, Bestellungen und Empfehlungen oder die Profilerstellung bei denen die Geschlechtsidentität der Nutzer eine Rolle spielen kann.

Hier gilt, wie in allen anderen Bereichen auch, das Produkt – der Webauftritt – kann noch so perfekt gestaltet sein, wird dem Nutzer die Geschlechtsidentität aberkannt, kann dies nicht zu einer positiven User Experience führen.

Konkret bedeutet das, dass alle Inhalte, die sich auf Anrede oder Geschlecht der Nutzer beziehen, nicht binär gestaltet werden sollten. Einerseits erfahren diejenigen, die sich mit den zwei traditionellen Optionen (Herr/ Frau, männlich/ weiblich) repräsentiert sehen, keinen Nachteil durch weitere Optionen. Andererseits kann sich die User Experience derjenigen, die sich bisher nicht einbezogen sahen, mit minimalem Aufwand vom Negativen ins Positive wandeln.

Wie spricht man also jemanden an, der nicht (nur) Mann oder Frau ist?

Da es „die Lösung“ noch nicht gibt, ist es wichtig kreativ aber respektvoll mit der Vielfalt an Geschlechtsidentitäten und der Lücke im deutschen Sprachgebrauch umzugehen. Der folgende Abschnitt enthält daher drei Tipps, die als Orientierungshilfe für den Umgang mit diesem Thema im Webdesign dienen sollen.

Tipp 1 -Braucht man diese Angaben überhaupt?

Zuallererst sollte man sich fragen, ob und warum Angaben zu Geschlecht oder Anrede des Nutzers zwingend notwendig sind. Gibt es keine ausreichende Begründung, sollte man einfach auf diese verzichten und neutrale Sprache verwenden.

Tipp 2 – Frage nach dem Geschlecht

Gibt es gute Gründe, warum die Angaben zum Geschlecht des Nutzers benötigt werden, hat man zum Beispiel die Möglichkeit neben männlich und weiblich die Option „inter/divers“ einzuführen. Hierbei handelt es sich um eine relativ gängige Variante, mit der die binäre Abfrage umgangen werden kann.

Formular Anrede inter divers

Tipp 3 – Frage nach der Anrede

Ist man zu dem Schluss gekommen, dass Nutzer nicht nach dem Schema „Hallo Vorname (Nachname)“ angesprochen werden sollen, steht man vor dem Problem, dass „inter/divers“ sich nicht als Anrede eignet. Ein Weg flexibel auf Nutzer einzugehen ist die Frage nach der bevorzugten Anrede in Form eines Freitext-Feldes. Das heißt, neben den Optionen Herr und Frau, bietet man dieses Feld mit der Überschrift „eigene“ oder „custom“ an. Diejenigen, die keines der traditionellen Geschlechter wählen würden, können also selbst definieren, wie sie angesprochen werden möchten. Ein Hinweistext zur Bedeutung dieser Option kann möglichen Rückfragen vorgreifen.

Formular Anrede weiteres

Bei allen Tipps ist zu beachten, dass die jeweilige Lösung wahrscheinlich nicht nur an einer Stelle im Webauftritt relevant ist. Handelt es sich zum Beispiel um ein Buchungsformular, sollten entsprechende Anpassungen im gesamten Webauftritt und nicht nur in dem einen Formularfeld umgesetzt werden (Anrede in der Bestätigungsmail, Begrüßung beim Login …).

Fazit

Wieso sollte die Geschlechtsidentität der Nutzer also im Webdesign berücksichtigt werden? Man kann gesetzlichen Änderungen zuvorkommen, kann sich up-to-date präsentieren, verursacht keinen Nachteil für die „binären Nutzer“, wandelt aber für eine bislang unberücksichtigte Zielgruppe die User Experience vom Negative ins Positive. Warum also nicht!

Weiterführende Begriffserklärungen

  • Cisgender, Cis-Frau und Cis-Mann – Diejenigen, die sich mit dem bei der Geburt bestimmten Geschlecht (Mann/ Frau) identifizieren, werden als Cis-Gender (-Mann, -Frau) bezeichnet.
  • Transgender und Transsexualität – Als Transgender werden Menschen bezeichnet, die sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Sie leben als Mann, Frau, beides oder keins von beidem. Eine „Unterkategorie“ von Transgender ist die Transsexualität. Transsexuelle unterziehen sich Behandlungen, um ihre Körper an ihre Geschlechtsidentität (Mann oder Frau) anzugleichen.
  • Han, hon, hen und Mx – Han und hen stehen im Schwedischen für er und sie, hen wurde vor einigen Jahren als neutrales Personalpronomen eingeführt und wird mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet. Mx ist die seit 2015 im OED (Oxford English Dictionary) aufgenommene, in Banken, Unternehmen und Verwaltungsbehörden verwendete Anrede für „non-binary transgender“, die sich nicht mit dem binären Geschlechtersystem identifizieren.
  • LGBT – Die Abkürzung für „lesbisch, schwul, bisexuell, transgender“ wird verwendet, um darauf aufmerksam zu machen, dass es mehr als (nur) Mann und Frau – binäre Geschlechtstypen – gibt.

Weiterführende Links

Warum die Ehe doch nicht für alle ist – www.br.de

Personenstandsrecht muss weiteren positiven Geschlechtseintrag zulassen – Bundesverfassungsgericht