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Digitale Spuren: Was von uns übrig bleibt

Digitale Spuren: Was von uns übrig bleibt

„Wir rasen mit 300 Tausend Kilometern pro Sekunde über die Datenautobahnen, wissen aber noch viel zu wenig darüber, wie wir uns ausreichend vor Unfällen schützen.“ Der Klappentext des Buches „Safe Surfer“ hat mich neugierig gemacht. Der Autor Martin Hellweg blieb mir keine Antwort auf meine Fragen an ihn schuldig.

Kopfbild: https://www.safe-surfer.com/buch.php

Ihr Buch „Safe Surfer“ enthält Tipps zum sicheren Bewegen im Internet. Haben Sie den Eindruck, dass dies für viele Neuland ist?

Martin Hellweg:

Das Internet per se nicht. Was viele Menschen aber nicht realisieren, ist, dass sie in der heutigen Welt über den Tag verteilt Tausende Daten erzeugen und sie ihre Privatsphäre nicht dadurch schützen, dass sie nicht auf Facebook sind. Vielmehr ist jede Suche in einer Suchmaschine wie Google, jede Bewegung mit dem Handy, für die sogenannten Datenbroker eine wertvolle Information, weil sie sich daraus ein Bild über unsere Persönlichkeit machen können. Die Folgen für uns, die sich aus diesen umfassenden Persönlichkeitsprofilen ergeben können, sind dramatisch. Wenn der Marktführer unter den Datenbrokern, Axciom, behauptete, von über 40 Millionen Deutschen pro Person über 1500 Datenpunkte zu haben, dann zeigt das die Dimensionen auf, die sich hier ergeben. Die einzelne Information über uns ist in der Regel harmlos. Die Profile, die aus den vielen Informationen aber dann erstellt werden, sind gesellschaftlicher Sprengstoff. Und das haben viele Menschen noch nicht realisiert. Das ist in der Tat für viele Neuland. In meinen Vorträgen passiert es nicht selten, dass sogar ein Fachpublikum überrascht ist, wenn ich ihnen von der Dimension der Tätigkeit von Datenbrokern wie Axciom erzähle.
Es geht Ihnen also nicht nur um öffentliche Profile in sozialen Netzwerken, bei denen es natürlich auch zu vermeiden gilt, zu viel über sich preiszugeben, sondern vielmehr noch um die Zusammenführung unserer digitalen Spuren zu einem Persönlichkeitsprofil. Wenn wir staatliche Organisationen mal ausklammern, dann sollte die Nutzung der Daten legal und ohne Zustimmung doch nicht so einfach möglich sein. Geht es für Sie da mehr um die Gefahr der illegalen Beschaffung dieser Daten?

Martin Hellweg:

Die Beschaffung der Daten durch die Datenbroker, die diese umfassenden Persönlichkeitsprofile über uns erstellen, ist nicht mal eindeutig illegal. Natürlich haben wir ein verfassungsmässiges Recht auf Privatsphäre. Aber die Lage ist etwas komplizierter. Wir haben bei vielen Internet-Diensten wie Amazon, Google, Facebook, WhatsApp oder noch schlimmer Snapchat und Tinder, etc. in den AGBs zugestimmt, dass unsere Daten genutzt werden. Dass daraus dann aber so allumfassende Profile entstehen, mit denen man gegen uns vorgehen, manchmal „nur“ einfach diskriminieren, manchmal sogar erpressen kann, daran denken die meisten von uns nicht, wenn sie diesen AGBs zustimmen. Hier braucht es Aufklärung, aber auch einen gesetzlichen Zwang zu mehr Transparenz zum Schutz des Einzelnen. Ich bin überzeugt, wir werden einmal zurückblicken auf die heutige Zeit und vom ungeregelten digitalen Wilden Westen sprechen. So, wie es heute läuft, ist es genau so, wie im Strassenverkehr in den 50er Jahren. Da gab es nicht mal innerorts eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Undenkbar heute. Gibt es aufgrund der Regelungen seitdem keinen Strassenverkehr mehr? Mitnichten. Wir sind so mobil wie nie zuvor. Alles braucht einfach Rahmenbedingungen. Und die gibt es für das Internet noch nicht.
Wenn Sie die Netzwelt verändern könnten: Welche neuen, verbindlichen Spielregeln würden Sie einführen?

Martin Hellweg:

Ich nenne ein Beispiel und nicht nur irgendeines, sondern den aus meiner Sicht zentralen Eckpfeiler für ein nachhaltig gesellschaftlich funktionierendes Internet: Wir brauchen eine Wahlmöglichkeit. Google z.B. müsste uns zwei Möglichkeiten bieten: 1. Google darf unsere Daten für seine Zwecke verwenden und der Service ist gratis. 2. Der Service ist kostenpflichtig und dafür werden unsere Daten nicht über den eigentlichen Besuchszweck auf der Website hinaus verwendet. Ich habe übrigens mal ausgerechnet, dass der Google-Service im Bezahlfall nicht mal 3 EURO/Monat kosten würde. Google hätte dann den gleichen Umsatz wie heute, würde nur unsere Daten nicht missbrauchen, wie ich das empfinde. Da der Gesetzgeber diese Wahlmöglichkeit noch nicht vorschreibt, versucht meine Stiftung, die Safe Surfer Stiftung, Internet-Anbietern als Zwischenlösung eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Safe Surfer Charta nahezulegen. Langfristig aber braucht es die gesetzlich vorgeschriebene Wahlmöglichkeit: Facebook, WhatsApp, etc. – sie alle sind so gross, dass viele Menschen keine Alternative zu ihnen sehen – leider, aber das ist nun mal so. Wenn in der Schulklasse alle WhatsApp haben, dann ist es schwer, dagegen zu sein, obwohl ich im Buch Freundeskreisen die datensensible Alternative Threema empfehle. Aber ich verstehe, warum der Druck auf den einzelnen gross ist, „dabei“ zu sein. Darum ist es ein fadenscheiniges Argument, wenn man bei Google z.B. sagt, man müsse Google ja nicht nutzen. Das geht nahezu nicht mehr, will man im Leben stehen. Dazu sind diese Internet-Kolosse zu zentral geworden für das tägliche Miteinander vieler Menschen. Darum muss der Gesetzgeber das anders regeln: Das Nutzen von Daten über den Besuchszweck hinaus darf nicht Bedingung für die Nutzung eines Internet-Services sein. Man muss auch bezahlen können und im Austausch dafür werden die Daten nicht genutzt. Stand heute aber können wir de facto erpresst werden, die AGBs grosser, populärer Internet-Services zu akzeptieren, weil die Alternativen nicht als solche empfunden werden. Das muss sich ändern. Dann wäre schon vieles erreicht.

Martin Hellwegs "Safe Surfer" über  Privatsphäre und Datenschutz im digitalen Zeitalter

Zum Autor

Martin Hellweg (geb. 1967) berät Menschen, die Opfer eines digitalen Anschlags wurden. Er ist Autor des im Econ Verlag erschienenen Buchs „Safe Surfer – 52 Tipps zum Schutz Ihrer Privatsphäre im digitalen Zeitalter“ und Stiftungsratsmitglied der in der Schweiz ansässigen Safe Surfer Stiftung.

Mehr darüber unter: https://www.safe-surfer.com/buch.php