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Zoefffffff ist das niederländische Wusch!

Zoefffffff ist das niederländische Wusch!

Impressionen von der InnovationExpo18 in Holland

Am 4. Oktober fand in Rotterdam die InnovationExpo18 – eine Messe der Ideen und Innovationen – statt. Auf dem ehemaligen RDM Werftgelände (Rotterdamsche Droogdok Maatschappij) wurden Lösungen für das moderne technische Leben, heute und in der Zukunft, vorgestellt. Aussteller und Besucher konnten sich zu Themen wie „circular economy“ (Kreislaufwirtschaft), Energie, Wasser, Gesundheit und Mobilität austauschen.

Wir bei PPW lassen uns gerne und viel von anderen Industriezweigen inspirieren, weshalb ich uns auf dieser Messe vertreten habe und nun meine gesammelten Eindrücke teilen kann.

Das Spektrum der Aussteller erstreckte sich von Startups, die aus Plastikabfall beispielsweise Stühle 3D-drucken, die getreu der circular economy Idee später wieder zu „Rohmaterial“ zerschreddert und dann zu etwas Neuem gedruckt werden (VanPlestik.nl ), bis hin zu VR (virtual reality) Therapiemöglichkeiten im eigenen Wohnzimmern, bei denen z.B. Agoraphobie und Klaustrophobie behandelt werden können (z.B. Angst vor weiten Flächen und Angst vor engen Räumen) (therapieland.nl).

Neben der Vielzahl und Diversität der ausgestellten Themen waren für mich vor allem die verschiedenen Arten des Prototyping der interessante Aspekt dieser Messe. Frühe technische Bewertungen und Iterationen von Produktideen können anhand von Prototypen durchgeführt werden. Gleichermaßen dienen Prototypen dazu, Produkt- oder Serviceideen zu kommunizieren und Stakeholder von ihnen zu überzeugen. Für Auftraggeber, Kunden oder spätere Nutzer fungiert der Prototyp als Anschauungsmodell, das je nach Produkt und Projektstatus betrachtet, erfühlt und erlebt werden kann. Auf diese Art und Weise wird parallel zum technischen Entwicklungsprozess die Möglichkeit geschaffen, auch die User Experience zu analysieren und projektbegleitend zu optimieren.

Hier möchte ich die drei Aussteller vorstellen, die aus meiner Sicht die aussagekräftigsten und sehenswertesten Prototypen auf ihren Messeständen gezeigt haben und demnach auch im Rahmen ihrer Produktentwicklung einsetzen.

Digitale Falken auf Drohnenjagd

Die Firma Delft Dynamics hat sich auf kleine unbemannte Helicopter (Drohnen) spezialisiert. Sie setzt sich in Form des vorgestellten DroneCatcher mit den Auswirkungen der steigenden Anzahl an verwendeten Drohnen auseinander. Laut Delft Dynamics haben sich durch den zunehmenden Verkauf von Drohnen neue Wege für illegale Aktivitäten (z.B. Drogenschmuggel) oder das Stören der Öffentlichkeit ergeben. Sobald eine Drohne ein Sicherheitsrisiko darstellt, z.B. in No-Fly-Zones, muss diese sicher entfernt werden können.

Bisherige Lösungen befassen sich beispielsweise mit Netzkanonen. Diese werden vom Boden abgefeuert, haben aber den klaren Nachteil, dass die Drohne zwar eingefangen wird, dann aber unkontrolliert zum Boden herabstürzt. Ein anderes Beispiel stellen speziell trainierte Falken dar. Diese sind darauf abgerichtet, Drohnen aus der Luft zu greifen und diese, so wie sie es mit ihrer Beute tun würden, kontrolliert abzusetzen.

DroneCatcher
Messestand und DroneCatcher in der Anwendung (http://dronecatcher.nl)

Der DroneCatcher verbindet diese beiden Ansätze. Eine Drohne wird hierbei mit einer Netzkanone ausgestattet. Hat ihr Pilot eine unerlaubte Drohne entdeckt, helfen Sensoren dabei, diese anzuvisieren. Ein Netz wird auf die gefährdende Drohne abgeschossen, fängt diese somit ein und bringt sie kontrolliert an einem Seil zum Boden.

Für die Partner und Nutzer (z.B. Niederländische Landespolizei, Militär) geht es bei diesem Projekt vorrangig um die Simulation und das Training des späteren Einsatzes. Wind und Wetter stellen hierbei natürlich wesentliche Faktoren für das reale Nutzungsgefühl, das präzise Anvisieren und den möglichen Missionserfolg dar.

Der entsprechende Prototyp wurde auf der Messe vorgestellt. In Spiel-Manier sitzt man hier vor einem Bildschirm und kann materialschonend eine virtuelle Drohne per Joysticks durch einen Offshore Windenergiepark fliegen und dabei eine eingedrungene Drohne mittels Netzabschuss einfangen und entfernen.

Konzeption von Zügen mit modernster Technik

Von der Nederlandse Spoorwegen N.V. (Niederländische Eisenbahn AG) wurde das mögliche Zukunfts-Interieur ihrer Züge vorgestellt.

Anhand von Untersuchungen des Reiseverhaltens der Kunden hat das Unternehmen die Grundlage für das neue Ausgleichsmodell zwischen Komfort und Kapazität geschaffen. Es sieht in der Zukunft Züge, die in drei Zonen eingeteilt werden. Für Reisende mit kurzen Reisezeiten wurden beispielsweise „Social-Zones“ nahe den Türen eingeführt. Hier werden vorrangig platzsparende „Stitten“ verwendet. Hierbei handelt es sich um an die Wände angebrachte Polster, deren Name und Nutzung sich aus der Kombination von „staan“ und „zitten“ (stehen und sitzen) ergeben. Für Reisende mit fernerem Ziel und somit längeren Reisezeiten wurden Entspannungs- und Konzentrationszonen vorgesehen. Diese liegen weiter im Inneren der Wagons und beinhalten unter anderem Einzelarbeitsplätze entlang eines Tresens und abschirmende Trennelement, die die Privatsphäre garantieren sollen.

VR Train Model
Kleinskaliertes Zug-Modell und VR-Prototyp

Zur anschaulichen Aufbereitung dieser Pläne wurden auf der Messe zum einen ein kleinskaliertes Modell des Zuges ausgestellt und zum anderen drei VR Optionen angeboten. Neben der Head-Mounted Display- und Kontroller-Option, mit der sich die Messebesucher durch den virtuellen Zug bewegen konnten, gab es zusätzlich (um den Wartenden oder Eiligen eine Alternative zu bieten) VR-Brillen mit gestellten Smartphones zum Umschauen oder Give-away-Brillen, wie sie auf dem Bild zu sehen ist. Bei letzterem lässt sich mittels QR Code ein Modell des Zuges per App oder Website aufrufen, das von außen und innen erkundet werden kann.

Diese optischen Modelle eignen sich vorrangig dazu, zwischen Entwicklern / Designern und Auftraggebern Ideen zu diskutieren und abzustimmen, aber auch dazu, um die Diskussion auf die späteren Nutzer zu erweitern und diese früh an den Veränderungen zu beteiligen. Der größte Vorteil der Give-away-Version ist hier natürlich, dass der Zug „mal eben“ mitgenommen werden, auch später noch rumgezeigt und über die Messe hinaus diskutiert werden kann.

Nächste Projektschritte beinhalten als logische Folge einen Test verschiedener Auslastungsstufen des Interieurs. Der Test ist mit einem 1:1 Modell für 2019 geplant.

In 50 Minuten von Amsterdam nach Frankfurt

Mein persönliches Highlight der Messe war das Startup Hardt, das sich der Entwicklung des ersten europäischen Hyperloop widmet.
Zur Zeit gibt es verschiedene Unternehmen, die sich dem Wettrennen um die Realisierung dieser Technologie angeschlossen haben. Hardt gibt es seit 2017, nachdem die Gründer zuvor erfolgreich Elon Musks „Hyperloop Challenge“ bestreiten konnten.

Hardt Hyperloop
Rendering vom Hardt Hyperloop (https://hardt.global)

Was ist ein Hyperloop und wofür steht sein „zoeffff“?
Als Hyperloop wird ein Hochgeschwindigkeitstransportmittel bezeichnet, dass sich Vakuum und Magnetismus zunutze macht und Geschwindigkeiten von 1000 km/h erreichen kann (Wusch!). In der Hardt Ausführung können 58 Passagiere in einem 34 Meter langen Zug sitzen, der im geplanten Streckennetz 50 Minuten von Amsterdam nach Frankfurt benötigen würde (zum Vergleich: mit dem Auto benötigt man etwas unter fünf Stunden). Neben den enormen zeitlichen Vorteilen gilt der Hyperloop durch seinen geringen Energiebedarf und geringe CO2 Emissionen als nachhaltiger im Vergleich mit herkömmlichen Transportmitteln (Zug, Auto, E-Auto und Flugzeug). Demnach stellt er wohl eine realistische Alternative zu z.B. Kurzstreckenflügen für Mensch und Güter dar.

Auf der InnovationExpo wurde ein Anschauungsmodell der verwendeten Technologie präsentiert. Auf Knopfdruck fing ein Prototyp des Antriebmechanismus an zu schweben und fuhr mit Leichtigkeit ein paar Meter vor und wieder zurück. Stabilisiert durch zusätzliche seitliche Schienen soll der Hyperloop ein gleitendes Fahrgefühl erzielen. Diese Art von Prototyp kann verschiedenen Zwecken dienen, z.B. um intern wie extern die technische Machbarkeit zu prüfen, aber auch um die späteren Passagiere (hier: Messebesucher) an etwas Abstraktes wie schwebende Züge im Vakuum heranzuführen.

Hyperloop Technology
Messeprototyp vom Hyperloop-Antrieb

Meine persönlichen Erwartungen an den Hyperloop basieren auf einer Fahrt mit dem Transrapid zu Grundschulzeiten. Mit einer ähnlichen „Schwebe“-Technologie, aber ohne Vakuum, kann der Transrapid Geschwindigkeiten von 450-550 km/h erreichen. Durch das komplett ruhige Fahrverhalten gab einem lediglich die vorbeirasende Umwelt einen Anhaltspunkt für die Geschwindigkeit. Beim Hyperloop wird es zwecks Tunnel und Vakuum wohl keine echte Fensteraussicht geben. Bei 1000 km/h wäre wahrscheinlich auch nicht viel zu sehen. Um einem klaustrophobischen Fahrerlebnis entgegenzuwirken, würden sich zum Beispiel digitale Fenster anbieten. Diese würden uns dabei helfen, die 50 Minuten zwischen Amsterdam und Frankfurt zu verarbeiten.

Jedes Projekt bietet vielerlei Möglichkeiten, Prototypen für Technik-, Design- und UX-Entwicklung zu verwenden. Gerade das Nutzererlebnis sollte bei derartigen Innovationen wie dem Hyperloop nicht vernachlässigt werden – siehe die Bedenken des 19. Jahrhunderts, dass die rasanten 30 km/h der Eisenbahn eine Gefahr für die Gesundheit darstellen. Wahrscheinlich können wir schon bald per VR-Prototyp durch Hyperloop-Bahnhöfe und -Züge spazieren, bevor wir dann in nicht allzu ferner Zukunft mit dem richtigen Hyperloop fahren werden.

 

Titelbild: Hardt B.V., https://hardt.global/